VerdrängungGestern ist mir etwas passiert, dass mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Vor einiger Zeit bekam ich eine Anfrage für ein spannendes, und sehr herausforderndes IT-Projekt. Nachdem einer meiner Charakterzüge das Bedürfnis ist, immer wieder Neues zu lernen, habe ich den alten Arbeitskittel mit der Aufschrift „IT – alles außer Programmierung“ nochmals vom Haken genommen und zugesagt. Damals ging ich nicht davon aus, dass das Projekt weniger technisch herausfordernd sein würde (na ja, ein bisschen schon), sondern mehr von der zwischenmenschlichen und emotionalen Seite. Nun gut, es gibt immer Entwicklungspotenzial für uns Menschen. Und nachdem ein Wesenszug der Menschheit ist, den Status Quo wahren zu wollen, fühlt sich Entwicklung, die ja Veränderung ist, meist erst einmal nicht so gut an.

Gestern war also mal wieder ein etwas schwieriger Tag, und es gab etwas Aufregung. Nachdem das Thema vorerst geklärt war, und sich alle wieder der Arbeit zuwandten, sagte eine meiner Kolleginnen: „Wer nicht verdrängt, reibt sich die Seele wund“. Ich war absolut perplex und schaute sie wohl so entsetzt an, dass sie mir erklärte, diesen Spruch hätte sie einmal von einem Moderator gehört und fände ihn gut. Ich wollte zwar keine lange Diskussion lostreten, konnte aber auch nicht schweigen. So erklärte ich ihr, dass meiner Meinung nach Verdrängung als Konzept nicht funktionieren würde. Wir können kurzfristig verdrängen, dann kommt das Thema wieder auf, und so verdrängen wir von Mal zu Mal, und das Thema bekommt mehr Energie. Irgendwann bricht es sich dann Bahn und will gesehen werden. Und die Meister der Verdrängung wundern sich dann, wo die aktuelle Krise „so plötzlich herkommt“…

Den Rest des Tages kam mir immer wieder dieser Satz in den Kopf, und ich fragte mich, ob Verdrängen für manche Menschen doch funktionieren könnte. Man spricht ja schließlich auch von „Meistern der Verdrängung“ und sicher haben Sie auch schon solche Menschen kennengelernt. Für das komplette Umfeld ist sichtbar, dass da irgendetwas nicht stimmt, aber der Mensch selbst scheint dies nicht zu merken und scheint positiv zu sein, speziell dem eigenen Verhalten gegenüber.

Funktioniert Verdrängung also doch?

Ich glaube, hier muss man unterscheiden zwischen der Wahrnehmung des Einzelnen und einer objektiven Sicht auf das Konzept Verdrängen. Der Meister der Verdrängung ist sicher überzeugt, dass alles gut ist, dass seine wunden Punkte gut verstaut sind, und wenn es Probleme gibt, dann hängen diese sicher nicht mit seinem Verdrängen zusammen, sondern sind im Normalfall das Problem oder Fehlverhalten eines anderen. Ich glaube diesen Menschen fehlt oftmals der Zugang zu ihrer eigenen Gefühlswelt – zum Beispiel könnte diese Tür nach einer starken Verletzung geschlossen worden sein, um nicht nochmals starken Schmerz empfinden zu müssen. In diesem Moment war das also ein Überlebensmechanismus, der aber auf Dauer mehr schadet, als er nutzt. Da unsere Seele über Gefühle mit uns kommuniziert, ist also der Zugang zu und die Achtsamkeit bezüglich unserer Gefühle entscheidend, wie wir mit uns belastenden Themen umgehen. Auf die lange Frist kommen Dinge, die wir zu verdrängen versuchen, immer wieder hoch. Und sie werden stärker, unangenehmer und manifestieren sich irgendwann in körperlichen Beschwerden.

Woran erkennt man, dass man verdrängt?

Wenn wir wirklich ehrlich zu uns selber sind, dann bekommen wir ein Gefühl dafür, wo wir verdrängen. Ich habe zum Beispiel große Angst vor Spinnen. Und ich weiß auch, dass ich mir hier Hilfe holen könnte, aber irgendwie schiebe ich das immer weg, weil ich es für nicht so wichtig halte. Ich verdränge die Angst, frage mich zwar immer wieder einmal, warum ich diese irrationale Angst selbst vor kleinsten Spinnen und Habergaukeln habe, aber ich habe Wege gefunden, den Spinnen aus dem Weg zu gehen. Ich schiebe das Thema also so lange weg, bis eine Spinne meinen Weg kreuzt, und dann muss sich mein Mann mit einer kreischenden Frau und einer zu entfernenden Spinne rumschlagen – nicht optimal. Mein erster Besuch in Australien war auch nicht so lustig, mit all den wirklich gefährlichen Spinnen dort. Inzwischen wurde mir das Thema oft genug präsentiert, dass ich mich nun wirklich darum kümmern werde und diese Angst lösen. Mein Mechanismus mit dieser unbearbeiteten Angst umzugehen war, mir das Ganze schön zu reden: „Ist ja nicht so schlimm, Du hast ja jemanden, der die Spinne entfernen kann“, „ach, der Sauger hat einen langen Rüssel, und dann kommt er eben für eine Woche auf den Balkon, falls die Spinne wieder rauskommt“, „für die eine Spinne pro Jahr finde ich schon eine Lösung“…

Sie sehen, ich habe mir meine Spinnen-freie Welt zusammengeträumt.

Das war Teil I meines Blogartikels zum Thema Verdrängen. Im zweiten Teil geht es um typische Verhaltensweisen beim Verdrängen und darum, wie wir letztendlich aus dem Kreislauf aussteigen. Ich vermute, auch Sie werden sich irgendwo wiedererkennen. Bleiben Sie also gespannt…

Herzlichst,
Ihre Christiane Mohr

 

Bilder:
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