Zeit für michDie letzten Tage hatte ich mal wieder eine Erfahrung, die eigentlich schon sehr weit zurückliegt: sturmfreie Bude! Im Allgemeinen ist man ein Teenager, wenn man diese Erfahrung macht. Die Eltern lassen einen das erste Mal allein zu Hause, und man kann tun und lassen, was man will. In meinem Alter ist die Erfahrung sturmfreie Bude eher die der Strohwitwe, auch nett, aber irgendwie anders…

Wie also kommt es, dass es bei mir das Gefühl „sturmfreie Bude“ gab? Meine Schwiegereltern, die uns in den letzten 6 Woche besucht hatten, sind am Samstag wieder nach Australien geflogen. Und so schön der Besuch war, es war eben auch anstrengend. Die ganze Zeit hatte ich noch ein paar Verpflichtungen mehr, weniger Zeit für meine Arbeit und all die Dinge, die auch noch getan werden müssen, und vor allem: keinerlei Zeit für mich und kaum ungestörte Zeit und Gespräche mit meinem Mann!

Nachdem es ihr erster Besuch bei uns war, wollten wir ihnen einerseits das Gefühl geben, herzlich willkommen zu sein, und ihnen andererseits natürlich möglichst viel bieten – sie sind beide über 70 und vielleicht bleibt es auch bei diesem einen Besuch. Die erste Woche lief ganz gut, die zweite startete nicht schlecht, und dann… wurde es ein wenig mühsam… Das permanente Zusammensein ließ fast kein Durchschnaufen zu und neben Projekt, Schreiben, Haushalt, Kochen und Organisation von Ausflügen und Kurztrips war ich einfach nur noch müde.

Dazu kam eine schwierige Projektphase mit erhöhtem Arbeitspensum und dummerweise hatte ich gerade angefangen, meine Artikelserie „7 schwere Jungs: Warum Sie diese 7 gefährlichen Schwermetalle meiden müssen“ zu schreiben, und diese erforderte extrem viel Recherche- und Redaktionsaufwand.

In Woche 3 kam ich mir vor wie ein wandelnder Zombie: chronisch übermüdet, weil ich nach dem gemeinsamen Abendessen noch mal arbeitete, unglücklich, weil ich keine ruhige Minute mit meinem Mann hatte, unausgeglichen, weil ich keine Zeit fand zum Laufen, und unfit, weil wir auf einmal Dinge aßen, die sonst kaum mal im Haus sind, und deutlich mehr Alkohol tranken als sonst… und noch dazu viel weniger Bewegung hatten!

Nach einem besonders ärgerlichen Projekttag beschloss ich, eine Freundin zum Geburtstag zu überraschen. Und diese drei Stunden, die nur mir und ihr gehörten, machten einen gewaltigen Unterschied. Ich überlegte in den folgenden Tagen, was denn da so schief lief, und fand meine ganz persönlichen Antworten, die natürlich auch in den beteiligten Personen und den Mentalitätsunterschieden begründet sind. Ich glaube aber, dass einige meiner Erkenntnisse auch für andere hilfreich sein können, und deshalb möchte ich diese heute in diesem kurzen Blogartikel teilen…

Erkenntnis #1: Zeit für uns selbst ist essenziell

Ruhe und EntspannungDiese Erkenntnis traf mich, nachdem ich in mir selbst den Unterschied bemerkte, den die drei gemeinsam verbrachten Stunden am Geburtstag meiner Freundin ausmachten. Ich war wie ausgewechselt – und der Projekttag war absolut nicht besser gewesen als der zuvor. Der Unterscheid war also, dass ich für mich entschieden hatte, ich nehme mir jetzt Zeit für mich und verbringe diese auf eine Art und Weise, die mir gut tut. Wäre es nicht der Geburtstagsbesuch gewesen, wäre ich zu Hugendubel gegangen, hätte mir ein paar Bücher zum Schmökern geholt und wäre dort für drei Stunden im Cafe gesessen. Und außerdem war es wichtig, dass ich bewusst den Schritt aus der Verpflichtung gemacht hatte – nämlich die, noch offene Aufgaben zu erledigen, heimzugehen und die Familie zu bekochen. Diese kleine Entscheidung hat mein Gefühl der Selbstbestimmheit und der Freiheitsgrade um ein Vielfaches gesteigert – plötzlich fühlte es sich wieder so an, als würde ich die Umstände steuern, und nicht die Umstände mich

Was wir in dieser Blase der “Zeit für mich selbst” tun, ist nebensächlich. Es geht letztlich nur darum, dass wir diese Zeit genießen. Allein, mit dem Partner, einer Freundin… wobei ich glaube, dass die meisten Menschen von Zeit zu Zeit tatsächlich auch Zeit alleine benötigen. Ich nehme mir dann oft ein paar Stunden und gehe einfach spazieren. Manchmal mit Musik, manchmal mit einem Hörbuch, oftmals einfach so – allein mit meinen Gedanken.

Erkenntnis #2: Sorge zuerst für Dich selbst

Bevor Du für andere sorgst, sorge für Dich selbst. Ich habe das die ersten zwei Wochen nicht getan. Ich wollte, dass meine Schwiegereltern möglichst viel sehen und geboten bekommen, dass sie aber auch sehen, wie wir leben – und was typisch ist für Bayern und München. Dabei haben wir auch Ausflüge gemacht an Orte, die ich selbst das letzte Mal als Kind mit meinen Eltern besucht hatte, und ich hätte gerne mehr gesehen. Aber viele Angebote wollten meine Schwiegereltern nicht wahrnehmen, aus welchen Gründen auch immer. Als es dann um das Mittags-Orgelkonzert in Passau ging, sagte ich ganz klar, ich wolle das Konzert der weltgrößte Kirchenorgel gerne hören. Und während ich noch ergänzen wollte, dass sie währenddessen ja ein wenig in der Stadt herumschauen könnten, war mein Schwiegervater schon auf dem Weg zum Ticketschalter…

War es das tollste Konzert überhaupt? Sicher nicht, aber die Atmosphäre im Passauer Dom, wenn die Orgel alle Register zieht, ist schon überwältigend. Und vor allem hat mir diese Episode eines gezeigt. Wenn Dir irgendwas total gegen den Strich geht, dann bleib bei Dir, sag was Du willst, und biete Alternativen für den Rest der Gruppe. Wenn jeder die Wahl dem anderen überlässt, nur um nicht egoistisch oder dominant zu erscheinen, befindet sich die Gruppe im Blindflug, und es ist unwahrscheinlich, dass auch nur ein einziger wirklich das tut, was ihm Spaß macht. Wenn hingegen jeder über seine Bedürfnisse und Erwartungen spricht, kann man planen, wie jeder auf seine Kosten kommt.

Erkenntnis #3: Rhythmus und Regelmäßigkeit sind wichtig

Work Life BalanceEin längerfristiger Besuch im Haus bringt den eigenen Rhythmus und den des Haushalts ganz schön durcheinander. Und auch wenn meine Persönlichkeit mehr auf Wachstum und Abwechslung ausgelegt ist (ich langweile mich wirklich sehr schnell), so sind die kleinen Rituale und Regelmäßigkeit doch viel wichtiger als ich dachte. Für mich ist das zwei- bis dreimal die Woche laufen, mindestens einen Abendspaziergang mit meinem Mann und ein größerer Spaziergang/Ausflug am Wochenende. Gemeinsames, längeres Mittagessen am Freitag, bevor wir dann beide in die „Nachmittagsschicht“ starten. Wir gehen die meisten Tage innerhalb eines bestimmten Zeitfensters zu Bett, meist sogar am Wochenende.

Kurzum: Wir haben Checkpoints in unsere Alltag, die uns Struktur geben. Man sagt, dass Struktur und Rhythmus für kleine Kinder und Kranke besonders wichtig sind. Ich glaube inzwischen jedoch, dass Struktur für jeden von uns wichtig ist, denn wir werden ohnehin mit so vielen Nachrichten, Aufgaben, Handlungsoptionen und Änderungen bombardiert, dass es bleibende Konstanten braucht. Braucht es die jeden Tag? Und müssen diese immer gleich aussehen? Vermutlich nicht, aber nach meinen sechs Wochen ohne meine gewohnten und gewählten Strukturen kann ich sagen, ich habe mich etwas verloren gefühlt. Vielleicht ein bisschen wie auf einer kurvigen Landstraße in den Bergen bei Nacht ohne Leitplanken – einfach kein komfortables Gefühl.

Sind all diese neue Erkenntnisse? Wahrlich nicht, auch nicht für mich. Manches war in den letzten Jahren nicht wichtig, oder automatisch gegeben. Diese sechs intensiven Wochen haben insofern einmal wieder die Chance geboten, zu erkennen, wie wichtig es ist, bei mir selbst zu bleiben, auf meine Bedürfnisse zu hören (körperlich wie emotional) und dann dafür einzustehen. Was mich etwas überrascht hat, war wie sehr mir meine gewohnten Strukturen gefehlt haben – und das obwohl die Arbeit als ein Pfeiler noch komplett vorhanden war.

Und die sturmfreie Bude? Die habe ich so richtig genossen: stundenlanges rumgammeln im Schlafanzug mit einem Buch vor dem Kamin, niemand, den man entertainen musste, einfach Zeit für uns und für mich… Und es war die Bestätigung dessen, was mir in diesen sechs Wochen immer wieder durch den Kopf ging: Was für ein Luxus es doch ist, nach einem Arbeitstag nach Hause zu kommen, und dann etwas Zeit für sich zu haben, ohne dass man jemandem verpflichtet ist. Gerade wenn wir momentan die Bilder von überfüllten Notunterkünften sehen, sollten wir uns bewusst sein, was für einen alltäglichen Luxus wir haben. Ich bin dankbar dafür und erinnere mich immer wieder daran, damit ich nicht vergesse, wie gut ich es habe!

In diesem Sinne: Sorgen Sie diese Woche doch einmal ganz bewusst gut für sich und machen Sie etwas, was Ihnen richtig viel Energie gibt!

Herzlichst,
Ihre Christiane Mohr

 

Bilder:
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