Faulheit wird oft mit übermäßigem Schlafen gleichgesetztFaulheit hat in unserer kapitalistischen Welt einen schlechten Ruf. Stets gilt es fleißig zu arbeiten, produktiv zu sein. Aber hat Faulheit nicht auch ihre Daseinsberechtigung?

Erinnern Sie sich an die letzte Situation, in der Sie mal so richtig faul sein durften? Oder an das letzte Mal, als Sie sich dringend wünschten, faul sein zu können? Aber natürlich gab es mal wieder so viel zu tun. Und während ich an meinen Projekten arbeite, fällt mir auf, dass meine Leidenschaft in der letzten Zeit zu kurz gekommen ist. Wie lange ist es her, dass ich einen Artikel für meinen Blog geschrieben habe? Zu lange…

Der Tag, die ganze Woche war anstrengend. Mein letzter Urlaub liegt auch schon wieder eine Weile zurück und die Arbeit ist herausfordernd. Während ich also da sitze und arbeite, möchte ich mich am liebsten wegträumen. Doch stattdessen hole ich mir eine Tasse Kaffee und weiter geht es. Doch damit stellt sich mir eine Frage: Sind Trägheit und Faulheit per se schlecht?

Was wir heute Faulheit nennen, nannte sich früher Muße

Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. In der griechischen Antike galt die Muße als höchstes Gut. War dieses Innehalten doch die Möglichkeit, durch das entstehende Vakuum zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Aristoteles und Platon erachteten die Muße als die Schwester der Freiheit. Zu dieser Zeit betonte Aristoteles die Praxis der Beratung der von starker körperlicher Arbeit freien Menschen untereinander und deren freier Entscheidung.

Den Fokus auf Produktion und Effizienz, wie er seit Beginn der Ära des Kapitalismus vorherrscht, gab es hingegen nicht. Vergeben wir uns heute etwas? Wann haben, wann nehmen wir uns noch die Zeit innezuhalten? Anzuhalten und in uns hineinzuhören – auf unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche und unsere Träume zu hören? Aber auch, um den Menschen in unserem Umfeld zuzuhören und vor allem über das Gehörte nachzudenken? Wollen wir nicht möglichst schnell zum Ziel gelangen und unser Umfeld von unserer Sichtweise überzeugen?

Der moderne Mensch definiert sich über seine Arbeit

Aber es geht nicht nur darum. Denn heute definieren wir Menschen uns über unsere Arbeit. Trifft man einen Menschen zum ersten Mal, so darf bei der Vorstellung der Beruf nicht fehlen. Natürlich sagt unser Beruf etwas über uns aus. Aber wie häufig zeigt sich doch viel stärker in den Hobbies, wer ein Mensch wirklich ist.

Diese Fokussierung auf unser berufliches Tun und die starke Verwebung in unser Leben führt dazu, dass der Mensch ohne Arbeit “unvollständig” ist. In der Sicht der anderen, was aber viel schlimmer ist, auch in der eigenen Wahrnehmung. Vielfach gilt: Nimmt man einem Menschen seine Arbeit, nimmt man ihm einen großen Teil seiner Daseinsberechtigung. Ist das nicht traurig?

Die Menschen in unserer Gesellschaft, die Arbeit haben, sind vielfach überlastet. Sie arbeiten zu viel und zu lange und haben das Gefühl, nicht ihr eigenes Leben zu leben und warten auf den Ruhstand um all die Dinge verwirklichen zu können, für die ihnen die Arbeit keine Zeit lässt. Doch wenn es dann soweit ist, haben sie oft völlig verlernt, diese freie Zeit zu nutzen. Und versinken im schlimmsten Fall in dem Gefühl, nutzlos zu sein.

Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den alten Griechen

Faulheit kann auch der Kontemplation dienen

Faulheit als Luxus, doch Faulheit kann mehr sein als nichts tun. Wann nehmen wir uns schon die Zeit zur inneren Einkehr, zur Kontemplation?

Es war schon etwas dran an den Ideen der alten Griechen: In der Stille, im Nichtstun stellen wir uns die essenziellen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was macht mich aus? Was macht mich zu einem wertvollen Teil der Gesellschaft? Was macht mein Leben lebenswert? Was treibt mich an? Was sehe ich, wenn ich in mich blicke?

Manch einem mag diese Form der Kontemplation unheimlich sein – oder er mag erkennen, dass er entgegen seinen Werten und Überzeugungen lebt. Dann mag es schwierig werden, einfach zum Alltag zurückzukehren. Aber geht es nicht gerade darum? Geht es nicht um das Wachsen, um das „besser werden“? Nicht im Sinne des Anhäufens von noch mehr Titeln, Medaillen, Verdiensten – nein! Es geht darum, unser Leben mehr und mehr nach unseren eigenen Bedürfnissen einzurichten. Und das bedeutet keinesfalls, dass Sie morgen Ihren Job hinwerfen und nach Kanada oder Thailand auswandern. Es geht darum, im Kleinen, im Alltäglichen dem eigenen Wesen mehr Raum zu geben …

Hören Sie in sich hinein – was ist Ihnen wirklich wichtig?

So philosophisch dieses Thema nun diskutiert werden kann – es gibt auch ganz handfeste Erkenntnisse, die jeder für sich selbst bewerten muss: Wie wichtig ist für mich Arbeit? Was bedeutet sie für mich? Sehe ich für mich eine andere Daseinsberechtigung als nur meinen Beruf? Und wann gönne ich mir die Auszeiten, die mir die Chance auf innere Einkehr, auf Erkenntnis ermöglichen? Und wann und wie schaffe ich mir meine „Oasen der Trägheit“ in meinem Alltag?

Bisher habe ich für mich noch nicht in allen Fällen Antworten gefunden. Ich mache meinen Job gern, arbeite mit Leidenschaft und viel, aber heute habe ich mir diese Auszeit genommen, um mal wieder zu schreiben – nur des Schreibens willen, um einen Gedanken in Ihren Kopf zu setzen, der hoffentlich Ihr Leben ein wenig lebenswerter macht.

Ich freue mich auf Ihre Gedanken zu diesem Thema: Was sind Ihre Oasen der Trägheit? Und was geben diese Ihnen?

Herzlichst,
Ihre Christiane Mohr

 

Weiterführende Links zum Thema Faulheit

Interessanter Artikel zum Thema in Bezug auf unsere Urlaubswünsche (auch wenn die Tourismus Branche das so nicht verkaufen will – die Angebote kommen)
Vorsicht: es könnte sein, dass Sie im Anschluss Ihren Kulturtrip stornieren 😉
http://www.o-pichler.at/IMG/FILES/a3-2002.05-Mega-Chance%20Faulheit.pdf

 

Bilder:
Hängematte: pixabay, debra123
Hund: pixabay, JerzyGorecki