LoslassenGestern stieß ich auf einen Blog, in dem einige Methoden vorgestellt wurden, mit denen man alte Muster, Glaubenssätze, Verletzungen und unerwünschte Gefühle loslassen kann. Die Autorin rief zu einer Blogparade zum Thema Loslassen auf, und ich fühlte mich spontan angesprochen. Denn das Thema Loslassen begleitet mich seit vielen Jahren sehr intensiv. Nicht nur in meiner Ausbildung zur THEKI® Lehrerin, sondern auch ganz privat…

Mein erster Impuls war, über die Zeit des Abschiednehmens zu schreiben, die ich vor vier Jahren erlebte, als mein Vater an Krebs erkrankte und dann 18 Monate nach der Diagnose starb. Denn gibt es etwas Finaleres, als einen geliebten Menschen in den Tod zu entlassen? Hier ist Loslassen auf einem für uns ungewöhnlich schmerzhaften Niveau verlangt. Und viele Menschen tun sich damit schwer. Ich glaube, es ist ein Prozess, den wir durchlaufen müssen, um das Gute hinter dem Schmerz zu sehen. Und manchmal haben wir leider nicht genügend Zeit, um diesen Prozess zu durchlaufen, bevor wir uns verabschieden müssen, oder der Tod tritt so unerwartet und unvermittelt ein, dass uns diese Chance genommen wird…

Deshalb ist dieser Artikel meinen wunderbaren Vater gewidmet, der mir – gemeinsam mit meiner Mutter – einen großartigen Start in dieses Leben ermöglicht hat. Danke Papa!

Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich all diese Erkenntnisse vor vier Jahren schon so hätte formulieren können. Mir hat meine THEKI-Ausbildung sehr geholfen, da sich dadurch bereits meine Sicht auf das Leben – und auch auf das, was jenseits dieses Lebens liegt – verändert hatte. Wo ich früher aufgrund dessen, was ich als Kind aus meinem Umfeld aufgenommen hatte, wohl eher von einer gewissen Endgültigkeit, und auch von so etwas wie Schicksal ausgegangen wäre, und vielleicht auch dem Schmerz mehr Raum gegeben hätte, sah ich so die Entscheidung der Seele meines Vaters. Wie dieses Leben hatte gestaltet sein sollen, und auch, wie es zu Ende gehen sollte.

In der Rückschau erkenne ich, dass – obwohl es eine schmerzhafte Zeit war – auch eine ungewöhnliche Schönheit vorhanden war – auf eine ganz eigene und unerklärliche Weise. Auch einzigartig, eben so einzigartig, wie die Beziehung zwischen zwei Menschen ist, und so hat jedes Mitglied meiner Familie diese Zeit anders erlebt.

Ich konnte meinen Vater etwas zurückgeben, wo vorher immer er derjenige war, der gegeben hatte. Denn ich hatte das Glück, immer unterstützt zu werden und stets eine offene Tür zu Hause vorzufinden, auch wenn meine Entscheidungen aus Sicht meiner Eltern nicht richtig waren – und egal, wie erwachsen ich schon war. Nie hörte ich „Du musst jetzt auf eigenen Beinen stehen“, auch wenn mir das sehr wichtig war, aber wenn es hart auf hart kam, wusste ich, dass meine Eltern für mich da wären. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Und so war es zuerst unvorstellbar, dass dieser Fels in der Brandung, das Familienoberhaupt (ja, ich komme noch aus einer Generation, wo der Mann die Familie ernährte) auf einmal nicht mehr da sein sollte…

Wir brauchten ziemlich lange, bis wir uns als Familie darauf eingestellt hatten, dass es unser bisheriges Leben nicht mehr gab – und nie mehr geben würde. Dies allein war der erste Schritt des Loslassens. Auch hier war ganz klar, dass wir diesen Schritt nicht gleichzeitig und gemeinsam gingen, jeder musste ihn für sich allein bewältigen, denn letztlich ist es nur der innere Takt, der diesen Vorgang bestimmt. Und ich bin überzeugt, dass unsere Seele weiß, wie schnell wir diesen Weg gehen können. Ohne uns zu überfordern. Denn an der Hoffnung festzuhalten, dass doch alles wieder so werden könnte wie früher, dass alles wieder in Ordnung kommt, gibt uns einfach ein bisschen mehr Zeit uns an die Situation zu gewöhnen.

Und so wandelte sich das Familiensystem. Auf einmal fand ich mich in einer Position wieder, die ich nie für mich in Anspruch genommen hätte, als Organisator, als Berater, als Vermittler, als Vertraute… Die Gespräche, die wir führten waren so weit von dem entfernt, was sonst unsere Gespräche bestimmte, und oftmals gab es auch nichts zu sagen. Ich habe so viel mehr über meinen Vater, seine Gefühle und Gedanken erfahren, als in all den Jahren davor – gerade in den letzten Wochen vor seinem Tod. Und ich habe viel über seine Familie – und damit meine Wurzeln – erfahren, was ich noch nicht wusste, denn als ich geboren wurde, lebte nur noch die Mutter meiner Mutter, so ist mein Wissen über meine Großeltern sehr beschränkt gewesen.

Ich kann mich erinnern, wie schwer es mir zuerst fiel, ihn darum zu bitten, mir von meinen Großeltern zu erzählen – war es doch irgendwie ein Signal an ihn, dass ich nicht glaubte, dass er doch überleben könnte. Ich haderte ein paar Wochen mit mir, bis plötzlich der Impuls so stark wurde, dass ich meine Fragen stellte. Den Zweifel loszulassen, ob ich ihm mit meinen Fragen den Lebenswillen oder die Hoffnung nehme, war für mich in diesem Prozess eine der schwierigsten Aufgaben. Doch es zeigte sich, dass ein Mensch, der stirbt, dies ohnehin spürt – der äußere Einfluss scheint da nur noch wenig auszumachen…

Wir haben diese letzten Wochen noch Dinge getan, die meinem Vater wichtig waren. Zwei Wochen vor seinem Tod haben wir mit ihm einen Ausflug an den Bodensee gemacht, von Augsburg doch auch fast zwei Stunden. Er wollte unbedingt einen Besuch bei einem Geschäftsfreund machen, dem er vor vielen Jahren geholfen hatte, als dessen Welt zusammenzubrechen droht, und dem er diesen Besuch jahrelang versprochen hatte. Er konnte kaum gehen an diesem Tag, mein Bruder musste ihn stützen. Meine Mutter fand, das sei zu anstrengend für ihn. Ich erinnere mich, dass wir eine Diskussion darum führten, ob wir fahren oder nicht. Sie wollte ihn um jeden Preis beschützen. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass dies eine Illusion sei, dass es darum gehe, die verbleibende Zeit auszuschöpfen und miteinander zu genießen… Damals merkte ich, wie weit ich den Pfad des Loslassens schon beschritten hatte.

Heute, in der Rückschau, erinnere ich mich an meinen lachenden Vater, an den dankbaren Geschäftsfreund, der sich so sehr über unseren Besuch freute, an ein Mittagessen mit Blick auf den Bodensee, bei dem mein Vater tatsächlich zu genießen schien, was er aß, und daran, dass wir miteinander einen wunderbaren, sonnigen Tag am Bodensee verlebt haben. Wäre es schöner gewesen, wenn wir dies in Gesundheit hätten tun können? Ohne Zweifel – aber es ist, was es ist… Ich denke aber, für meinen Vater hat es einen Unterschied gemacht. Er wollte den Tagen, die ihm blieben, mehr Leben geben… Und genau das haben wir an diesem Tag getan!

Und dann ging es sehr schnell. Jeden Tag hieß es von etwas anderem Abschied zu nehmen – das war sicherlich eine der schwierigsten Phasen. In dieser Zeit „überlebten“ wir einfach, bis zu dem Punkt, an dem mein Vater starb. Auf einmal kehrte sehr viel Ruhe ein. Es war klar, dass nichts mehr zu tun, nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu erledigen war…

Ich glaube, dass der Schmerz, einen geliebten Menschen zu verlieren, immer einzigartig ist. Er verändert das ganze Leben. Ich kann mir auch vorstellen, dass der Abschiedsprozess den Blick auf einen Menschen, auf eine Beziehung komplett verändern kann… Natürlich ist das bei den eigenen Eltern, beim Partner oder den eigenen Kindern etwas anderes als bei einem Freund, aber der Weg ist immer derselbe. Akzeptanz und Loslassen… in Dankbarkeit für eine Begegnung.

Ich bin ein großer StarTrek-Fan und kann mir die Episoden wieder zu wieder anschauen. Es gibt eine Episode, in der ein Besatzungsmitglied ums Leben kommt. Nach der Trauerzeremonie geht der Androide Data, der versucht, das menschliche Wesen zu erforschen, auf den Captain zu und fragt ihn, ob er etwas falsch verstanden hätte. Er würde nicht daran denken, wie schrecklich es für Tasha sei, umgekommen zu sein, sondern nur daran, wie sehr er sie vermissen würde. Und der Captain antwortet: „Nein, Sie haben es genau richtig verstanden.”

Es mag nur ein simpler Dialog in einer Fernsehserie sein, aber er bringt das menschliche Wesen auf den Punkt: Bei der Trauer geht es in erster Linie um uns, um den Verlust, den wir erlitten haben. Wir mögen Mitgefühl haben, mitleiden während der Phase der Erkrankung, aber letztendlich geht es um uns. Und in dem Moment, in dem wir dieses Gefühl loslassen, den anderen nie mehr zu sehen, und es ersetzen durch Dankbarkeit, dass wir diesen Menschen kennenlernen durften, tun wir uns selbst den größten Gefallen.

Sei die Dankbarkeit mit Euch!
Herzlichst, Ihre Christiane Mohr

 

Tatsächlich laufen gerade zwei Blogparaden parallel zu diesem Thema, und hier sind sie zu finden – mit vielen schönen Beiträgen rund um’s Loslassen:

http://www.die-kraft-in-dir.de/2015/04/16/loslassen-könnte-so-einfach-sein/

http://herzcoaching.jetzt/blogparade-loslassen/

 

Bilder:
See © Christiane Mohr