Erster Schritt der Früherkennung: Abtastung der eigenen Brust

Erster Schritt der Früherkennung: Abtastung der eigenen Brust

Seit 2002 gibt es das Mammographie-Screening. Als flächendeckende Früherkennungsmethode konzipiert, muss sie sich nun harsche Kritik bezüglich ihres Nutzens gefallen lassen. Wie sehen die Fakten aus? Und was lernen wir als (potenzielle) Zielgruppe daraus?

Neulich Abend war ich einmal ausnahmsweise mit dem Auto unterwegs und hörte dabei Bayern 2, meinen Lieblingssender. Denn es werden dort immer wieder sehr interessante Themen behandelt, die in den großen Tageszeitungen und Magazinen keine Beachtung finden. Und wieder einmal wurde ich nicht enttäuscht. An diesem Abend ging es um das Thema Mammographie. Ich war gespannt, da ich schon seit Jahren meine ganz eigene Meinung zu diesem Thema habe.

Vorgestellt wurde eine Studie des Swiss Medical Board. Eigentlich handelte es sich dabei um eine Meta-Studie, die sämtliche bereits durchgeführte Studien zu diesem Thema untersuchte und daraus eine gesamthafte Bewertung ableitete. Das Ergebnis war ernüchternd: Der Nutzen des Mammographie-Screenings, das seit 2002 flächendeckend für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren läuft, kann nicht eindeutig belegt werden. Die Forscher gehen sogar so weit, dass sie den Stopp des Screenings fordern. Denn ursprünglich war von einer deutlichen Senkung der Brustkrebstoten ausgegangen worden. Anscheinend wurde jedoch der Nutzen dramatisch überschätzt.

Die Gründe hierfür sind mannigfaltig. Erstens ist die Quote der tatsächlich entdeckten Brustkrebsfälle zur Anzahl der untersuchten Frauen sehr gering. Um eine Frau zu retten, müssen 1000 Frauen untersucht werden. Dies ist einerseits wirtschaftlich fragwürdig, da das Screening letztendlich die gesetzlichen Krankenkassen belastet. Auf der anderen Seite ist bei einer solch niedrigen Quote auch fragwürdig, ob die daraus resultierende Strahlenbelastung (bei der Mammographie wird schließlich die Brust geröntgt) überhaupt sinnvoll ist. Das dritte Argument gegen ein flächendeckendes Screening liegt in der hohen Anzahl der Fehldiagnosen.

Anhand einer kanadischen Studie wurde die Problematik der Fehldiagnosen aufgezeigt. Die Untersuchung von 45.000 Frauen ergab für 500 einen positiven Befund. Von diesen 500 positiven Befunden waren wiederum 100 falsch positive Befunde, d.h. die Frauen hatten gar keinen Brustkrebs, sondern beispielsweise Verkalkungen in den Milchgängen, was eine Vorstufe ist, die sich aber nicht zwangsläufig zu einer Brustkrebserkrankung entwickeln muss.

Eine Quote von 20% falsch positiver Befunde ist nicht gerade zu vernachlässigen. Einerseits ist die emotionale Belastung für die Frauen sehr groß, andererseits entstehen dadurch weitere Kosten im Gesundheitssystem, die vermeidbar gewesen wären.

Schaut man sich auf der Website der Kooperationsgemeinschaft Mammographie um, werden natürlich die positiven Effekte dieser Massen-Früherkennung hervorgehoben. Dazu muss man wissen, dass sehr viel Geld in den Aufbau des flächendeckenden Mammographie-Screenings gesteckt wurde. Damit hat die Kooperationsgemeinschaft natürlich ein starkes Eigeninteresse. Immerhin bringt das Screening jährlich 155 Mio. EUR.

Im Gegenzug werden sieben bis acht Frauen pro 1000 Untersuchten “entdeckt”, wobei diese eben auch die Vorstufen enthalten, die unter Umständen nie Krebs werden. Und ob die Überlebenschancen der Frauen mit den richtig positiven Befunden steigen, kann niemand sagen.

Heißt das nun, ab in die Tonne mit der Mammographie allgemein? Es klingt ja fast so…

Meine Meinung ist, dass es bereits viele Möglichkeiten gibt, eine mögliche Brustkrebserkrankung ohne Mammographie zu erkennen. Natürlich gehört hier wieder Eigenverantwortung dazu. Einmal monatlich nach der Periode die eigene Brust abtasten. Macht man das eine Weile, dann kennt man die Struktur der eigenen Brust und kann auch Veränderungen erkennen.

Ein sehr interessantes Projekt wurde unter dem Titel “discovering hands” ins Leben gerufen. Blinde Frauen werden im Abtasten der Brust ausgebildet und unterstützen die ärztliche Früherkennung. Der Gedanke dahinter ist das feinere Tastvermögen blinder Menschen. Eine Studie im Jahr 2012 hat ergeben, dass die blinden Frauen 28% mehr Brustkrebsfälle durch das Abtasten entdeckt haben, als die Ärzte.

Die Mammographie bleibt jedoch ein Bestandteil der weiterführenden Diagnose, wenn ein Erstverdacht besteht. Zuvor kann aber über eine Sonografie bereits eine weniger belastende Untersuchung durchgeführt werden. Auch die Thermografie kann weiterhelfen. Die Thermografie zeigt Zonen mit erhöhter Durchblutung. Da Tumore zahlreiche Blutgefäße bilden, um sich zu versorgen und zu ernähren, sind diese als aktiverer Bereich erkennbar. Allerdings gibt es auch bei diesem Verfahren Grenzen. Auch MRT, die Magnet-Resonanz-Tomografie, kann bei der Erkennung helfen. Jede Methode hat Vor- und Nachteile. Ich will keine verteufeln und auch keine als das Nonplusultra darstellen. Mir ist wichtig, dass wir Frauen uns unserer Möglichkeiten bewusst sind und dann in Abstimmung mit unserem Arzt selbt entscheiden, was wir für das Richtige halten.

Vor einigen Jahren hörte ich Herrn Dr. Spitzbart, der vielen als Arzt der Leistungssteigerung und als Speaker, wie es Neudeutsch so schön heißt, bekannt sein dürfte. Er stellte das gängige Verfahren stark in Frage und brach eine Lanze für eine eskalierende Früherkennung, d.h. so schonend wie möglich beginnen mit Abtastung und ggf. Sonographie und nur bei begründetem Verdacht schwerere Geschütze – wie die Mammographie – auffahren. Aus dem Mund eines promovierten Arztes eine eventuell überraschende Aussage, aber eine, die ich voll und ganz teilen kann…

In diesem Sinne: Machen Sie Ihre Hände zu “discovering hands”!

Herzlichst,
Ihre Christiane Mohr

 

Weiterführende Informationen

Beitrag in Bayern 2 – IQ Wissenschaft & Forschung – Brustkrebs-Screening / Mammographie-Screening

http://www.test.de/Brustkrebs-Viele-falsche-Diagnosen-1694803-2694803/

http://www.discovering-hands.de

 

 

Bilder:
Brustabtastung © JPC-PROD, #43461953 via fotolia.de