Liebe macht Trauer erst möglich (Esther Klepgen)

Heute vor vier Jahren starb mein Vater. Nur wenige Wochen nach seinem 69. Geburtstag. Nächste Woche hat mein Bruder Geburtstag. Wo wir früher in kurzen Abständen gefeiert haben, kommen nun viele besondere Tage zusammen, an denen wir viel mehr als an vielen anderen an den Menschen denkt, der nun nicht mehr Teil unseres täglichen Lebens ist.

Die ersten Jahre war diese Häufung schlimm, fast zwangen wir uns, trotzdem ein wenig zu feiern. Fast ein wenig trotzig: Das Leben muss weitergehen, das hätte Papa doch gewollt… Dies war die vorherrschende Stimmung. Doch es tat auch gut, denn gerade an diesen Tagen suchten wir nach den schönen und lustigen Dingen, die wir gemeinsam erlebt hatten. Und davon gibt es viele. Der eine erinnert sich an diese, der nächste an jene Begebenheit. Und während wir sprachen, wurde uns bewusst, was uns alles noch mit meinem Vater verband. Die Kleinigkeiten, die Sprichworte, die flüchtigen Gedanken, die uns tagtäglich begleiten.

Natürlich wurde die Trauer jedes Jahr ein bisschen weniger, an vielen Tagen herrschte plötzlich der Alltag vor. Manchmal überkam mich dann ein wenig Trauer und ich stellte mir die Frage, ob ich ihm irgendwie „untreu“ würde, ihn in Vergessenheit geraten ließe. Und jedes Mal kam mir dann in den Sinn, was mir mein Vater kurz vor seinem Tod sagte: „Wenn ich dann mal tot bin, und Du nach einiger Zeit merkst, dass die Trauer weniger wird und die Lebensfreude wieder mehr, dann lass es zu. Fühl Dich nicht schlecht, das ist das Leben, und so soll es sein…”

Mein Vater hatte seine Eltern schon als junger Mann verloren – innerhalb eines Jahres war er auf sich gestellt, mit 21, zehn Jahre nachdem er aus der ehemaligen DDR nach Augsburg gekommen war – ohne Familie im Rücken, und natürlich mit einem noch relativ jungen Freundeskreis. Wie schwer muss das für ihn gewesen sein? Diese Frage stellte ich mir oft. Um wie vieles schwerer, als wir es hatten, immerhin zu Dritt und mit ein wenig Familie im Rücken…

Doch in der ersten wilden, rohen Trauer hilft dieses Rationalisieren alles nichts. Es tut verdammt weh, es fühlt sich an, als würde es einem das Herz zerreißen, doch es wird anders. Und ich glaube, dass je mehr man in Dankbarkeit daran denkt, dass man ein Leben miteinander hatte, desto besser ist es für einen selbst.

Es geht nicht darum, nicht zu Trauern. Gerade darum geht es nicht. Viel zu oft schieben wir unsere Gefühle beiseite und versuchen einfach weiterzumachen. Wir haben uns geärgert? Beiseite schieben! Wir fühlen uns angegriffen? Sei kein Weichei! In ganz vielen Situationen schieben wir unsere Gefühle weg. Das mag auf die kurze Sicht funktionieren, aber es ist immer gesünder, die Gefühle zu durchleben. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich einen Menschen anschreie, wenn er mich sehr geärgert hat, das Rumpelstilzchen gebe oder ähnliches. Es bedeutet, dass ich mir den Ärger anschaue und prüfe, warum ich mich ärgere, was ich daraus lernen kann, wo ich etwas verbessern kann und was mir der Ärger über mich selbst zeigt.

Beim Thema Trauer ist das nicht anders. Es ist normal traurig zu sein, und mit der Beerdigung ist zwar ein Abschnitt geschafft, aber eben auch nur das. Es dauert, bis die Freude wieder überwiegt. Der eine Mensch braucht länger, der andere verarbeitet den Tod eines geliebten Menschen schneller. Das hängt sicherlich von vielen Faktoren ab:

  • Welcher Typ Mensch bin ich?
  • Was ist meine vorherrschende Tendenz? Eher pessimistisch, eher optimistisch? Rückwärts gewandt, nach vorne schauend?
  • Kam der Tod plötzlich oder hatte ich Zeit, mich darauf vorzubereiten und schon einen Teil des Weges zu gehen?
  • Welchen “Glauben” habe ich in Bezug auf den Tod?
  • Welche Beziehung hatte ich zu dem Verstorbenen?

Lange Zeit ging man davon aus, dass es verschiedene Phasen der Trauer gibt, die es zu durchlaufen gilt (eine schöne Zusammenfassung dieser Phasen findet sich hier. Neueste Forschungen des führenden Wissenschaftlers in diesem Bereich, George Bonanno, zeigt, dass Trauer eher in Wellen als in Phasen verarbeitet wird. Und dass die Trauerbewältigung sehr individuell ist.

Es gibt nicht DEN Tod oder DIE Trauer! Jeder Tod, jeder Verlust ist einzigartig. Er hängt an der Beziehung zwischen zwei Menschen, er hängt an der Persönlichkeit desjenigen, der weiterlebt, denn auch sie sind einzigartig. Und damit ist ganz klar auch der Trauerprozess einzigartig.  In meinen Augen gibt es kein “so schnell lache ich wieder, darf das ein?” Ebenso wenig wie “warum weinst du immer noch, wenn Du an xy denkst?”

Ich habe beides erlebt, beide Gedankengänge, wenn ich mich in der einen wie der anderen Situation wiedergefunden habe. Dass beides zusammenfallen kann, wird durch die Trauerbewältigung in Wellen erklärbar. Für mich bestätigen die Erkenntnisse von George Bonanno mein tiefes inneres Wissen, dass es beides geben darf, nebeneinander, für kurze Zeit oder auch für viele Jahre.

Für die Trauer gibt es keine Mindestdauer und kein Ablaufdatum. Sie ist einfach. Sie ist eines der ursprünglichsten, der nacktesten Gefühle, denn sie rührt auch ganz viel an unser eigenes Ende…

Trauer macht uns verletzlich aber zugleich auch menschlich, oftmals auch die “harten Kerle”… Hier zeigen wir uns in unserer ganzen Verletzlichkeit und das darf sein. Wenn wir dabei auf jemanden stoßen, der uns nur verständnislos ansieht, dann können wir ziemlich sicher sein, dass dieser Mensch diese Erfahrung noch nicht machen musste. Wer es einmal erlebt hat, der versteht. Er versteht die Momente der Trauer und auch die, wenn die Freunde am Leben zurückkommt – wann auch immer das sein mag.

 

Weiterführende Links:

http://www.trauerphasen.de

http://www.johanniter.de/dienstleistungen/betreuung/trauerbegleitung-von-kindern-und-jugendlichen-lacrima/lacrima-in-mittelfranken/service-wissen/wissen/trauerphasen-nach-verena-kast/

 

Bilder:
Strand mit Strandkörben © Christiane Mohr